Latent bedeutet „verborgen“ oder „noch nicht sichtbar bzw. hörbar“. In der Zeile „Qu’enfin il sonne, ce son latent“ beschreibt Angèle einen noch ausstehenden, innerlich erwarteten Ton oder ein Signal, das endlich erklingen soll.
Das Wort wirkt besonders poetisch und passt zur Spannung des Liedes: Sie wartet sehnsüchtig auf ein Zeichen von jemandem, der online ist, ihr aber nicht antwortet.
In „Je Veux Tes Yeux“ („Ich will deine Augen“) geht es um eine Schwärmerei, die fast vollständig online bleibt. Die Sängerin will „Je veux tes yeux, que tes beaux yeux, seulement en photo“ („Ich will deine Augen, nur deine schönen Augen, und zwar nur auf einem Foto“). Sie möchte beide Augen sehen, aber „sans sentir ta peau“ („ohne deine Haut zu spüren“). Das ist zugleich romantisch und ein bisschen komisch: Ein Foto reicht ihr, denn die echte Begegnung wäre vielleicht viel zu aufregend.
Die andere Person ist online, aber nicht wirklich für sie da: „Connecté en ligne, mais pas à moi“ („Online verbunden, aber nicht mit mir“). Sie wartet auf ein Zeichen, sieht, dass die Nachricht angesehen wurde, bekommt aber keine Antwort. Die umgangssprachlichen Formen „j’crois“ für „je crois“ („ich glaube“) und „t’as vu“ für „tu as vu“ („du hast gesehen“) lassen das Warten sehr direkt und alltäglich klingen. Vielleicht treffen sie sich eines Tages, sagt sie, aber lieber nicht sofort. Die Vorstellung von ihm ist sicherer als die Wirklichkeit. Denn wenn er vor ihr stünde, würde sie davonlaufen, erröten und völlig verrückt nach ihm sein. Genau darin liegt der Charme des Liedes: Sie will seine Augen unbedingt sehen, aber bitte nur auf dem Bildschirm.