Reluque kommt vom Verb reluquer und bedeutet, jemanden auffällig oder lüstern anzustarren beziehungsweise zu begaffen. Im Lied beschreibt Suzane damit, wie sie von anderen taxiert wird, während man ihr gleichzeitig alles erklärt und sie nicht ernst nimmt. Das umgangssprachliche Wort ist besonders einprägsam, weil es die unangenehme, objektifizierende Situation sehr direkt ausdrückt.
Suzane dreht in „Virile“ den Spieß bei Geschlechterklischees um. Andere nennen sie „forte comme un garçon“ [stark wie ein Junge], weil sie sich wehrt, führt und nicht ständig lächelt. Sie selbst antwortet: „moi j’suis forte comme une fille“ [aber ich bin stark wie ein Mädchen]. Das klingt schlicht, ist aber ziemlich frech: Stärke, Mut und Durchsetzungsvermögen gehören nicht automatisch zur Männerseite. Der Titel „Virile“ bedeutet „männlich“ oder „maskulin“ und wird hier zu einem Etikett, das die Sängerin selbstbewusst trägt und gleichzeitig hinterfragt.
Besonders bissig wird der Song, wenn sie erzählt, wie unterschiedlich sie behandelt wird: Man beobachtet sie „comme une fille“ [wie ein Mädchen], erklärt ihr sogar das „mansplaining“, also das herablassende Erklären durch einen Mann, und erwartet, dass sie schweigt, lächelt, früh nach Hause kommt oder die Straßenseite wechselt. Dabei ist sie „patronne comme une fille“ [Chefin wie ein Mädchen] und verteidigt ihre Rechte, auch wenn sie sie verlieren kann. Die wiederholte Zeile „une fille virile“ [ein maskulines Mädchen] klingt deshalb zugleich witzig und trotzig: Sie muss sich nicht passend machen, nur weil jemand ihre Kleidung, ihren Gang oder ihre Haltung als „männlich“ empfindet.